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Interview Luciano Basile

„Jede Niederlage bringt den 1. Sieg näher“

Interview "Dolomiten" vom 29.05. geführt von Kurt Platter

Luciano Basile ist am Dienstag von Briancon, wo er vor kurzem ein Haus bezogen hat, nach Bruneck gekommen. „Die Anreise mit dem Zug war aufgrund der Corona-Krise sehr kompliziert. In Mailand dachte ich, es wäre Endstation. Danach ging alles reibungslos“, sagt der neue Trainer des HC Pustertal, der in den letzten Tagen den Pusterer Vorstand und die Spieler kennen gelernt hat. Der 60-jährige Italokanadier nahm sich auch Zeit für nachfolgendes Interview.

„Dolomiten“: Es ist nicht alltäglich, dass ein Trainer nie selbst Eishockey gespielt hat. Wie kamen Sie zu dieser Sportart?

Luciano Basile: Im Alter von 12 Jahren habe ich schon ein bisschen Eishockey gespielt. Als Kind gefiel mir Fußball aber besser. Bereits mit 16 Jahren habe ich gemeinsam mit meinem Bruder und einem Cousin eine Eishockey-Mannschaft trainiert. Es war ein U13-Team in Montreal. Heute kann ich getrost sagen, dass es für mich ein Vorteil war, nie selbst gespielt zu haben. So musste ich mich immer beweisen und besser sein als die anderen.

„D“: Ihre „richtige“ Trainerkarriere hat 1990 in Brixen begonnen. Wie ist der Kontakt zustande gekommen?

Basile: Georges Lariviere war damals Sportdirektor des italienischen Eissportverbandes. Er hatte den Auftrag, kanadische Trainer, die italienisch sprechen, nach Italien zu bringen. So bin ich dann in Brixen gelandet. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich in einem Hotel in Vahrn Diego Scandella und Pat Cortina kennengelernt habe. Beide stammen so wie ich aus Montreal. Und noch heute verbindet uns eine enge Freundschaft. Ich habe auch noch Freunde in Brixen. Patrick Bona, der jetzt gemeinsam mit mir beim HC Pustertal arbeitet, Luca Scardoni, Alex Gusella oder Oliver Schenk habe ich beispielsweise vor 30 Jahren trainiert.

„D“: Wie verliefen Ihre ersten Jahre in Italien?

Basile: Ich habe in Brixen für einen Monat die Serie-B-Mannschaft trainiert und kümmerte mich danach bis 1993 ausschließlich um den Nachwuchs. Auch danach in Varese und Asiago war ich nur Jugendtrainer. 1996 habe ich bei der Weltmeisterschaft in Wien Lou Vairo, der dem Betreuerteam der USA angehörte, kennengelernt. Er hat so wie ich nie auf hohem Niveau Eishockey gespielt, hat mir aber den Rat gegeben, eine Seniorenmannschaft zu betreuen, da es ein großer Unterschied ist, mit Jugendlichen oder mit Männern zu arbeiten.

„D“: Und dann haben Sie den Schritt gewagt und erstmals eine Seniorenmannschaft übernommen. Warum sind sie 1996 in Madrid gelandet?

Basile: Meine Partnerin lebte damals in Madrid, wo in einem Vorort im selben Jahr der SAD Majadahonda gegründet wurde. Ich packte die Chance beim Schopf und ging als erster Trainer in die Vereinsgeschichte ein. In der darauffolgenden Saison wurden wir spanischer Meister. In unserem Team stand ein gewisser Kent Nilsson, der als 41-Jähriger einige Spiele bestritten und alle schwindelig gespielt hat. Bei uns trug der Ex-Bozner aber nicht weiße Handschuhe, die zuvor stets sein Markenzeichen waren.

„D“: Sie sind diplomierter Physiker. Haben Sie schon einmal als Physiker gearbeitet?

Basile: Eigentlich nie so richtig. Am Ende meines Studiums auf der High School habe ich ein Praktikum als Lehrer gemacht. Dieses hat mir aber überhaupt nicht gefallen. Für die Kinder, die ich unterrichtet habe, war es eine Plage, am Unterricht teilzunehmen. Zum Eishockey-Training sind sie dagegen immer gerne gekommen. Der Besuch der McGill University, wo ich unter anderem gemeinsam mit dem langjährigen NHL-Trainer Mike Babcock studiert habe, hat mir danach sehr geholfen, weil diese sehr pädagogisch ausgerichtet war und ich einiges in Psychologie oder auch Philosophie gelernt habe.

„D“: Wem haben Sie den italienischen Pass zu verdanken?

Basile: Meine Eltern sind in Cassano Irpino in der Provinz Avellino aufgewachsen. Im Jahr 1955 sind sie dann so wie viele Italiener auch nach Montreal ausgewandert. 4 Jahre später bin ich dort auf die Welt gekommen

„D“: Sie heißen eigentlich Antoine Lucien. Warum nennt Sie jeder Luciano?

Basile: Meine Eltern waren überzeugt, dass ich auf den Namen Antonio Luciano getauft worden bin. Ich habe es auch erst gemerkt, als ich 16 Jahre alt war und den Führerschein machen wollte, dass ich eigentlich Antoine Lucien heiße. Schuld war der französische Priester, der mich vor 60 Jahren getauft hat.

„D“: Warum haben Sie in der letzten Saison eine Pause eingelegt?

Basile: Ich habe mich sehr spät von Gap getrennt: Das war im Mai des letzten Jahres. Zu diesem Zeitpunkt war in Frankreich kein Trainerplatz mehr frei. Zudem war ich irgendwie müde, nachdem ich zuvor 44 Jahre lang trainiert hatte. Ich wollte und musste mich erholen. Ich bin viel herumgefahren und habe viel gelesen. Ich habe in den letzten 12 Monaten unter anderem 15 Kilogramm abgenommen. Jetzt sind meine Batterien wieder aufgeladen und ich kann es nicht erwarten, dass die neue Saison endlich losgeht.

„D“: Warum haben Sie sich für den HC Pustertal entschieden?

Basile: Ich hatte auch ein Angebot aus Glasgow vorliegen. Glasgow Clan ist aber kein Klub im eigentlichen Sinn, sondern eine Franchise, wie es sie in der NHL gibt. Ich habe aber einen Verein gesucht, wo auch meine Familie glücklich werden kann. In Bruneck kann ich als Trainer arbeiten und meine Kinder können zur Schule bzw. in den Kindergarten gehen.

„D“: Wie viele Kinder haben Sie?

Basile: Ich habe 3 Söhne. Luca entstammt aus meiner ersten Beziehung mit einer Spanierin. Er ist 17 Jahre alt, besitzt den kanadischen und spanischen Pass und spielte zuletzt in der U20-Mannschaft von Gap. Mit Spanien hat er auch die U18-WM der II. Division Gruppe A bestritten. Die beiden anderen Söhne sind von meiner aktuellen Frau, die aus Frankreich stammt. Noah ist 8 Jahre alt. Er hat zuletzt für die U11-Mannschaft in Gap gespielt. Er ist sehr talentiert. Milo ist dagegen erst dreieinhalb Jahre alt. Aber auch er kann bereits Schlittschuhlaufen und hatte schon einen Schläger in der Hand.

„D“: Sie haben bereits 9 Jahre im Land Ihrer Vorfahren gearbeitet. Was erwarten Sie sich von Ihrer Jubiläumssaison?

Basile: Ich wollte unbedingt noch einmal nach Italien zurückkehren und hier das letztes Kapitel in meiner Trainerkarriere schreiben. Ich habe einen großen Teil meines Lebens in Frankreich verbracht. Dort habe ich als Trainer viel Erfahrung gesammelt und große Erfolge gefeiert. Persönlich habe ich schon alles gewonnen. Nun will ich einem Klub helfen, der vor einem Übergangsjahr steht. Die Worte unseres Präsidenten Robert Pohlin haben mir sehr gut gefallen. Er hat gesagt, dass wir die Corona-Krise dazu nutzen wollen, um richtig durchzustarten.

„D“: Sie waren in Frankreich 3 Mal Meister und wissen, wie man Meisterschaften gewinnt. Wussten Sie, dass der HC Pustertal nach wie vor auf einen Meistertitel wartet?

Basile: Das ist mir bekannt, für mich aber völlig nebensächlich. Als ich im Sommer 2003 erstmals nach Briancon gekommen bin, habe ich einen Verein mit einer knapp 70-jährigen Tradition übernommen. Dieser hatte bis dahin nichts gewonnen. Wir standen danach 6 Mal in einem Finale, haben aber alle verloren. Im 7. Anlauf hat es dann geklappt: Wir sind in meinem 11. und letzten Jahr in Briancon endlich Meister geworden. Das Ergebnis darf aber nie das oberste Ziel sein. Wenn man zu sehr auf Siege fixiert ist, schadet das nur. Meine Message an die Pusterer Fans lautet: Jede Niederlage bringt den 1. Sieg näher. Dieser ist dann umso schöner. Früher oder später wird auch der HC Pustertal etwas gewinnen.

„D“: Kennen Sie einen der 10 Spieler, die bereits beim HC Pustertal unter Vertrag stehen?

Basile: Ich habe einige von ihnen im vergangenen Jahr bei der WM in Bratislava spielen sehen: Armin Hofer und Tommaso Traversa beispielsweise. Die anderen Spieler habe ich mir anhand von Videos angeschaut.

„D“: Haben Sie schon eine Idee, welche Ausländer ins Pustertal kommen könnten?

Basile: Das kann ich im Moment leider nicht beantworten. Derzeit gibt es noch zu viele Fragen. Es hängt unter anderem auch vom Budget ab. In Frankreich stand mir nie viel Geld zur Verfügung und trotzdem hatten wir Erfolg. Mit jungen Spielern, die direkt von der Universität gekommen sind, hatte ich durchwegs gute Erfahrungen gemacht. Jack Lewis, der in der letzten Saison in Bruneck gespielt hat, wurde mir vom ehemaligen Brunecker Torhüter Tony Martino empfohlen. Lewis hat in Gap im Monat 900 Euro verdient und war Center in der 3. Linie. In der nächsten Saison werden in jedem Fall die einheimischen Spieler mehr Platz im Team finden

„D“: Sie sind ein Trainer, der zuletzt in 16 Jahren nur für 2 Klubs gearbeitet hat: 11 Jahre für Briancon und 5 Jahre für Gap. Haben Sie beim HC Pustertal auch einen Mehrjahresvertrag unterschrieben?

Basile: Nein. Mein Vertrag läuft vorerst nur für ein Jahr. Ich bin aber für alles offen. Wenn die Zusammenarbeit passt, dann könnte ich durchaus auch länger bleiben. Das hängt aber nicht von mir allein ab.

„D“: Sie sind seit 10 Jahren auch Trainer der spanischen Nationalmannschaft. Werden Sie dieses Amt auch in Zukunft ausüben?

Basile: Auf alle Fälle. Das spanische Team ist mir eine Herzensangelegenheit und die Arbeit macht mir großen Spaß.

„D“: Wie würden Sie sich als Trainer beschreiben?

Basile: Ich bin sehr genau. Ich würde mich nicht als harten Hund bezeichnen. Ich fordere aber sehr viel von meinen Spielern: Ich muss sie aus der Komfortzone heraus- und an ihre Grenzen bringen. Ich mag meine Spieler und behandle sie wie meine eigenen Kinder. Ein freundschaftliches Verhältnis wird es aber nie geben.

„D“: Auf was legen Sie besonders wert?

Basile: Für mich steht die Disziplin im Vordergrund. Meine Spieler müssen topfit sein und mit großer Leidenschaft und viel Einsatz aufs Eis gehen. Meine Teams laufen in der Regel sehr viel und sind gut organisiert. Wichtig ist, dass wir sehr kompakt auf dem Eis stehen. Das ist nicht einfach und hat oft Fehler zur Folge. Das ist ganz normal. Turnovers beispielsweise passieren immer wieder. Wichtig ist, was danach passiert: Wie können die Spieler darauf reagieren und den Fehler wieder ausmerzen? Für mich stehen in einem Team das Talent, die Erfahrung, die Einstellung und das Eislaufen im Vordergrund.

„D“: Sie sprechen englisch, italienisch, französisch und spanisch. Können Sie auch deutsch, nachdem Sie 2 Jahre für Amberg in der deutschen Oberliga gearbeitet haben?

Basile: Ich spreche und verstehe nur sehr wenig deutsch. In Amberg haben wir in der Kabine nur englisch gesprochen. In Bruneck bietet sich jetzt die Möglichkeit, besser Deutsch zu lernen.

„D“: Als Sie in Briancon arbeiteten, haben Sie sich einige Spiele von Juventus Turin angeschaut. Sind Sie ein Fußballfan?

Basile: Turin war mit dem Auto in einer Stunde zu erreichen. Der Fußball gefällt mir sehr. Die Fußballkultur dagegen hasse ich, weil es ein zu großes Business geworden ist. Ich bin Fan der italienischen Nationalmannschaft und von Montreal Impact FC, der in der Major League Soccer (MLS) spielt. Ich habe mich in Vergangenheit auch vom FC Barcelona inspirieren lassen. Die Spielweise hat mich begeistert: Zum einen gab es viel Ballbesitz, zum anderen ein aggressives Pressing ohne Ball. Zudem betrug das Durchschnittsalter des Teams in der Saison 2008/09, als Barcelona alles gewonnen hatte, gerade einmal 23,5 Jahre.

Interview: Kurt Platter